Vom Todesstreifen zur Lebenslinie

Vom Todesstreifen zur Lebenslinie

Am Donnerstag den 8. Oktober 2020 findet um 19:00 Uhr in der der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Christophorus Helmstedt, ein Bildvortrag von Beatrix Flatt zu Ihrer Forschungswanderung an der grünen Grenze statt.

Fast 1400 Kilometer lang schlängelt sich das Grüne Band entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze auf einer Breite zwischen 50 und 200 Metern vom Dreiländereck (Sachsen-Bayern-Tschechien) bis auf den Priwall bei Travemünde an der Ostsee. Als Grünes Band bezeichnet man den Streifen zwischen dem Kolonnenweg un der ehemaligen Staatsgrenze zwischen BRD und DDR. Es liegt also komplett auf dem Gebiet der Ex-DDR und somit in den östlichen Bundesländern Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Anlässlich des 30-jährigen Jubiläums des Grünen Bandes im Jahr 2019 bin ich diese 1400 Kilometer in 63 Tagesetappen komplett abgewandert. Es war keine Urlaubsreise und auch keine Pilgertour, sondern mit diesem Projekt habe ich mein Interesse an Menschen, meine journalistische Arbeit und meine Leidenschaft, zu Fuß unterwegs zu sein, verbunden. Ich habe jeden Tag Interviews mit Menschen, die am Grünen Band leben, arbeiten oder sich engagieren, geführt. Es waren wenige Zufallsbegegnungen dabei, mit den meisten Menschen habe ich mich nach intensiver Recherchearbeit im Vorfeld verabredet. Was macht das Gründe Band aus? Im Schatten der Grenze konnten sich viele Tier- und Pflanzenarten entwickeln und überleben, die woanders keinen Lebensraum mehr fanden. Das haben Naturschützer in beiden Teilen Deutschlands schon lange vor der Grenzöffnung erkannt. Bereits im Dezember 1989 trafen sich Naturschützer aus Ost und West, um über die Zukunft des Grenzstreifens zu diskutieren. Bereits damals forderten sie, dass dieser Streifen als ökologisches Rückgrat Mitteleuropas erhalten bleiben muss, und prägten den Begriff Grünes Band. Nach neuesten Untersuchungen gelten midestens 1200 Arten, die heute im Grünen Band vorkommen, als gefährdet, das heißt, sie stehen auf der Roten Liste. Das Grüne Band hat sich somit von einem Todesstreifen zu einer Lebenslinie quer durch Deutschland entwickelt. Das Grüne Band ist kein durchgehender Wanderweg. Es ist an vielen Stellen aufgrund von Autobahnstrecken, Zugtrassen, Bebauung oder intensiver landwirtschaftlicher Nutzung unterbrochen. Manchmal ist der Weg auch komplett zugewachsen und im Dickicht der Natur verschwunden. Nur in einigen ausgewählten Regionen ist das Gründe Band ausgeschildert, das heißt, wer sich auf das Abenteuer einlassen möchte, muss den Weg vorher gut planen. Das Grüne Band zu erwandern ist ein Naturerlebnis, denn ein Großteil der Fläche steht unter Naturschutz. Das Grüne Band ist aber auch gleichzeitig ein Mahnmal für den Frieden und gegen Grenzen und Mauern. Es ist eine Landschaft, die an die Überwindung der deutschen Teilung erinnert. Grenzpfähle, Grenztürme, Reste der Grenzanlagen und auch der Kolonnenweg stehen als stumme Zeugen in der Landschaft. Geschleifte Dörfer und unzählige dokumentierte Fluchtgeschichten erinnern an das Leid vieler Menschen. Das Gründe Band führt durch eine Region, in der sich an vielen Stellen zaghaft Neues entwickelt – neue Initiativen sanfter Tourismus und Kultur im ländlichen Raum. Somit ist das Grüne Band auch eine Form der Regionalentwicklung mit Potenzial. So vielfältig und abwechslungsreich die Landschaften, die Regionen und das Grüne Band an sich sind, so unterschiedlich sind meine Reportagen, die ich während der Wanderung geschrieben habe. Meine Geschichten erzählen von Menschen im ehemaligen Sperrbezirk der DDR und im ehemaligen Zonenrandgebiet der BRD. Manche leben schon seit Jahrzehnten dort, manche haben sich das Grüne Band bewusst als neue Heimat ausgesucht. Die Geschichten spiegeln die Vielfalt der ländlichen Regionen entlang des Grünen Bandes wider. Sie berichten vom Engagement und der Kreativität der Bewohner in der Mitte Deutschlands, um ihr Leben fernab von Metropolen zu gestalten. Alle Reportagen, die während der Wanderung zwischen Juni und November 2019 entstanden sind, lesen Sie unter www.30-jahre-gruenes-band.de. Das Buch zu dem Projekt ist unter dem Titel „Grenzenlos – Begegnungen am Grünen Band“ im Mai 2020 im Reiffer-Verlag erschienen und ist für 20 EUR im örtlichen Buchhandel erhältlich.

Quelle: Schulter-Blatt Nr. 100 September – November 2020 Gemeindebrief der ev.-luth. Kirchengemeinde St. Christophorus Helmstedt / Beatrix Flatt

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